Model werden in der Schweiz: mein Weg ohne Agentur an die New York Fashion Week
Anfang 2025 konnte ich nicht richtig laufen. Neun Monate später stand ich backstage an der New York Fashion Week. Dazwischen lagen 40 bis 50 Shootings, jedes Casting, das ich erwischen konnte — und ein Agenturvertrag, den ich wieder kündigte.
Anfang 2025 stand ich allein im Wald, das Handy an einen Baumstamm gelehnt, und filmte mich beim Gehen. Wer mir auf dem Spazierweg begegnete, hat vermutlich kurz gezweifelt, ob bei mir alles in Ordnung ist. Ein paar Mal wurde ich tatsächlich gefragt, was ich da mache. Die ehrliche Antwort: Ich konnte nicht laufen. Nicht im Alltagssinn — im Laufsteg-Sinn. Mein Walk war steif, die Schultern zu hoch, der Blick unsicher.
Neun Monate später stand ich hinter den Kulissen einer Show an der New York Fashion Week, in einem Outfit der Zürcher Designerin Ketty Nuñez, und wartete auf meinen Einsatz. Die letzten zehn Minuten vor dem Start sind backstage ein Riesengewusel — und dann gehst du raus, und es ist still, und da ist nur noch der Laufsteg.
Dazwischen lag keine Entdeckungsgeschichte. Keine Agentur hat mich gescoutet, niemand hat mich in der Bahnhofstrasse angesprochen. Dazwischen lag Arbeit, und zwar eine ziemlich unglamouröse. Wie sie aussah, schreibe ich hier auf — für alle, die in der Schweiz mit dem Modeln anfangen wollen und nicht wissen, wo.
Das Portfolio kommt vor allem anderen
Ganz am Anfang habe ich als Kind für die Kleidermarke meiner Mutter gemodelt. Als ich es mit zwanzig wieder ausprobieren wollte, hatte ich davon genau nichts mehr: keine Bilder, keine Kontakte, keinen Namen. Was ich hatte, war Zeit und Eigeninitiative.
Der Einstieg lief über TFP-Shootings — «Time for Prints»: Der Fotograf arbeitet gratis, du arbeitest gratis, beide behalten die Bilder. Im ersten Jahr kamen bei mir so vierzig bis fünfzig Shootings zusammen. Das klingt nach viel, und es war viel. Aber es ist der einzige Weg, der dir am Anfang offensteht, und er ist besser als sein Ruf.
Mit der Zeit habe ich das Modell erweitert: Ich habe Designer direkt angeschrieben und Kooperationen vorgeschlagen. Die Designer leihen die Kleider, ich organisiere Location und Fotografen. Das ist eine Win-Win-Situation — die Designer bekommen gute Bilder ihrer Stücke, ich vergrössere mein Portfolio. Niemand bezahlt jemanden, und trotzdem gewinnen alle.
Was dabei entsteht, ist mehr als ein Ordner voller Fotos. Jedes Shooting ist eine Übungseinheit vor der Kamera, und jeder Fotograf, jede Designerin ist ein Kontakt. Von meinen ersten TFP-Partnern kamen später Empfehlungen, Testimonials und Folgeaufträge. Das Portfolio, das heute auf dieser Website steht, ist aus genau dieser Phase gewachsen.
Castings: Hingehen ist die halbe Miete
Meine Regel war einfach: jedes Casting mitnehmen, das terminlich irgendwie geht. Nicht nur die grossen, nicht nur die passenden — alle.
Das hat zwei Gründe. Der erste ist mathematisch: Wer öfter aufläuft, wird öfter gebucht. Der zweite ist wichtiger: Castings sind Training. Du lernst, in dreissig Sekunden präsent zu sein, mit Absagen umzugehen und vor fremden Leuten zu bestehen, die dich ungerührt mustern. Das kann man nicht zu Hause üben.
Ich hatte bei Castings ziemlich guten Erfolg — deutlich besseren, als meine Erfahrung vermuten liess. Ich führe das nicht auf Talent zurück, sondern darauf, dass ich vorbereitet war: Der Walk sass, die Posen sassen, und ich wusste, wie ich wirke. Alles Dinge, die man sich erarbeiten kann.
Eines dieser Castings hat dann alles verändert: ein grosses Casting bei Ketty Nuñez, die mit ihrem Label Kenu Boutique eigene Models an Shows bringt. Daraus wurde eine Competition — und die Besten durften mit nach New York. Rund zehn Gewinnerinnen und Gewinner sind geflogen, wir haben eine Woche zusammen in einem Airbnb gewohnt und uns vor Ort auf die Fashionshow vorbereitet. Eine Woche mit sehr verschiedenen Persönlichkeiten auf engem Raum ist nicht immer einfach. Aber wir sind als Gruppe zusammengewachsen, und ich habe in dieser Woche mehr gelernt als in manchem Monat davor.
Der Walk ist ein Handwerk
Es gibt eine romantische Vorstellung vom Modeln: Entweder man hat es, oder man hat es nicht. Meine Erfahrung ist nüchterner. Der Walk ist ein Handwerk, und Handwerk lässt sich lernen.
Konkret hiess das bei mir: mich beim Laufen filmen, die Aufnahmen anschauen, korrigieren, wieder filmen. Vor dem Spiegel Posen aufbauen und halten. Mit Licht experimentieren, um zu verstehen, wie Schatten auf dem Gesicht und dem Körper arbeiten — was im Studio funktioniert, was draussen. Und: erfolgreiche Models fragen. Die meisten geben ihr Wissen erstaunlich offen weiter, wenn man ehrlich fragt statt zu schmeicheln.
Das Training in der Natur, mit dem diese Geschichte angefangen hat, habe ich übrigens nie aufgegeben. Draussen laufen, ohne Spiegel, ohne Publikum, zwingt dich, das Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln statt die Korrektur von aussen abzuwarten.
Agenturen: viele Absagen, ein Vertrag, ein Abgang
Jetzt zum Teil, den die meisten Ratgeber weglassen.
Ich wurde von vielen Agenturen abgelehnt. Das gehört dazu, und es sagt weniger über dich aus, als du im Moment der Absage glaubst — Agenturen suchen nach Lücken in ihrer Kartei, nicht nach einer objektiven Wahrheit über dein Potenzial.
Irgendwann war ich dann bei einer Agentur unter Vertrag, ein paar Monate lang. In dieser Zeit kam über die Agentur kein einziger Auftrag herein. Alles, was ich in jener Phase gebucht habe, hatte ich selbst organisiert. Also bin ich wieder gegangen. Das war keine dramatische Trennung, sondern eine nüchterne Rechnung: Eine Agentur, die nicht vermittelt, ist kein Karriereschritt, sondern nur eine Unterschrift.
Aus dieser Erfahrung — und aus späteren Vertragsangeboten, die ich geprüft und abgelehnt habe — sind zwei Regeln geworden, die ich jedem Einsteiger mitgebe:
Wenn jemand von dir als Model Geld will, ist das eine Red Flag. Immer. Seriöse Agenturen verdienen an der Provision deiner Aufträge, nicht an deinen Vorauszahlungen. Kostenpflichtige «Academies», Einschreibegebühren, bezahlte Sedcard-Pakete als Aufnahmebedingung: Finger weg. In der Schweiz ist die Vermittlungsgebühr bei der Einschreibung gesetzlich auf einen tiefen Betrag gedeckelt — alles deutlich darüber hat einen Grund, und der liegt nicht in deinem Interesse.
Lies den Vertrag, bevor du ihn schön findest. Exklusivität ohne Leistungspflicht der Agentur heisst: Du bindest dich, die Agentur verspricht nichts. Konventionalstrafen beim Ausstieg, weltweite Exklusivität, fehlende Regelungen zu Bildrechten — all das steht in echten Verträgen, die echten Einsteigern vorgelegt werden. Ich habe so einen Vertrag auf dem Tisch gehabt und nicht unterschrieben.
Unique sein ist keine Floskel
Ein Punkt noch, der wichtiger ist als jede Technik.
An Castings stehen Reihen von Menschen, die alle gross, schlank und gut frisiert sind. Wenn das dein ganzes Angebot ist, bist du austauschbar — und austauschbar ist das Gegenteil von gebucht. Was den Unterschied macht, ist die eigene Energie, die du mitbringst. Fashion heisst Expression: Eine Show ist keine Parade von Kleiderständern, sondern eine Inszenierung, und die Designerin sucht Menschen, die ihre Vision tragen können, ohne darin zu verschwinden.
Mich fasziniert genau das an der Fashionwelt: wenn eine Designerin etwas Spezielles erschafft und versucht, aus der Norm auszubrechen. Auf dem Laufsteg dazu beizutragen, gibt mir einen Kick, den ich vor der Kamera so nicht habe. Beides hat seinen Platz — aber du solltest wissen, wo dein Feuer brennt, weil man es dir ansieht.
Also, ehrlich gefragt: Hast du das Zeug dazu, auf dem ganz grossen Laufsteg zu walken? Die ehrlichere Antwort als jedes Bauchgefühl ist: Das entscheidet sich nicht heute. Es entscheidet sich in den vierzig TFP-Shootings, den Castings, den Stunden vor dem Spiegel und im Wald. Das Zeug dazu ist zum grössten Teil das, was du daraus machst.
Was ich dir mitgebe
Wenn ich meinen Weg auf das Wesentliche eindampfe:
- Portfolio zuerst. TFP-Shootings, so viele du kriegen kannst. Gratis arbeiten ist am Anfang kein Makel, sondern die Eintrittskarte.
- Jedes Casting mitnehmen. Castings sind Training, nicht nur Chance.
- Den Walk üben wie ein Instrument. Filmen, anschauen, korrigieren. Spiegel, Licht, Posing. Erfahrene Models fragen.
- Bei Agenturen nüchtern bleiben. Keine Vorauszahlungen, Verträge lesen. Eine Agentur ist ein Geschäftspartner, kein Ritterschlag.
- Deine eigene Energie kultivieren. Sie ist das Einzige, was dich von der Reihe unterscheidet.
Und vielleicht der wichtigste Punkt: Ich modle bis heute nicht Vollzeit, und das ist Absicht. Neben dem Modeln baue ich meine eigene Firma auf. Täglich in der Fashionindustrie zu arbeiten wäre mir zu viel Druck auf etwas, das ich liebe — so bleibt der Laufsteg das, was er sein soll: der Ort, an dem es mir einen Kick gibt.
Fragen zu deinem eigenen Einstieg — oder eine Booking-Anfrage? Schreib mir direkt.